Stärke der Weisheit

Ambivertiert: die dritte Form

Bei jedem Test kommt etwas anderes heraus, je nach Tagesform. Das ist kein Fehler im Test – es ist die häufigste Ausprägung überhaupt.

Ambivertiert bezeichnet Menschen, die zwischen Introversion und Extraversion liegen: mal so, mal anders, je nach Situation, Thema und Energiestand.

Der Begriff stammt nicht von Jung, sondern wurde in den 1920er Jahren von Edmund Conklin geprägt. Gemeint ist damit aber genau das, was Jung selbst betont hat.

Warum die meisten dazugehören

Introversion und Extraversion sind keine zwei Schubladen, sondern die Enden einer Skala. Die Verteilung folgt einer Glockenkurve: An den Rändern stehen wenige ausgeprägte Fälle, in der Mitte die Mehrheit.

Schätzungen gehen von rund zwei Dritteln aus, die eher in der Mitte liegen als an einem Pol. Wer bei Tests wechselnde Ergebnisse bekommt, ist deshalb meist nicht widersprüchlich – sondern schlicht ambivertiert.

Was Jung tatsächlich sagte

Jung hat in Psychologische Typen (1921) ausdrücklich gewarnt, seine Typen als feste Kategorien zu lesen. Ein reiner Typ existiert für ihn nur theoretisch.

„Es gibt schließlich keine reinen Typen in dem Sinn, dass sie nur den einen Mechanismus besäßen und den anderen gänzlich atrophiert." – C.G. Jung

Der Typ beschreibt die gewohnte Einstellung, nicht die einzig mögliche. Mehr dazu: die acht Typen und introvertiert oder extravertiert?

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Sechs Anzeichen für Ambiversion

Der eigentliche Vorteil – und die Falle

Ambivertierte passen sich leichter an unterschiedliche Situationen an. In Untersuchungen zum Vertrieb schneiden sie im Schnitt sogar besser ab als ausgeprägt Extravertierte: Sie reden genug, um zu überzeugen, und hören genug, um zu verstehen.

Die Falle liegt genau darin. Wer sich in beide Richtungen anpassen kann, tut es häufig auch dann, wenn es zu viel kostet – und merkt zu spät, dass die Erholung fehlt. Anpassungsfähigkeit ist eine Fähigkeit, keine Pflicht.

Warum die Einstellung ohnehin nicht das Wichtigste ist

Bei Jung ist introvertiert/extravertiert nur die halbe Aussage. Die andere Hälfte ist die Funktion: Denken, Fühlen, Empfinden oder Intuition – zwei nehmen wahr, zwei bewerten.

Erst beides zusammen ergibt einen Typ. Und die wirklich interessante Frage ist für Jung nicht die Stärke, sondern die Schwäche: die minderwertige Funktion, in der allein noch Wachstum möglich ist.

Mehr: die vier Funktionen, Jung vs. MBTI, Persönlichkeitstest nach Jung.

Häufige Fragen

Was bedeutet ambivertiert?

Ambivertiert bezeichnet Menschen, die zwischen Introversion und Extraversion liegen – je nach Situation, Thema und Energiestand mal in die eine, mal in die andere Richtung.

Sind die meisten Menschen ambivertiert?

Ja, nach den meisten Schätzungen rund zwei Drittel. Introversion und Extraversion sind eine Skala, keine zwei Schubladen – und die Mehrheit liegt in der Mitte, nicht an den Rändern.

Stammt der Begriff von C.G. Jung?

Nein, er wurde in den 1920er Jahren von Edmund Conklin geprägt. Jung hat aber selbst betont, dass reine Typen nur theoretisch existieren – inhaltlich meint beides dasselbe.

Ist Ambiversion ein Vorteil?

Oft ja. Ambivertierte passen sich leichter an, und in Vertriebsstudien schneiden sie im Schnitt besser ab als stark Extravertierte. Der Nachteil: Wer sich in beide Richtungen anpassen kann, tut es auch dann, wenn es zu viel Kraft kostet.

Warum kommen bei Tests unterschiedliche Ergebnisse heraus?

Weil Sie vermutlich nahe der Mitte liegen. In diesem Bereich entscheiden Tagesform und Fragestellung über das Ergebnis. Das ist kein Fehler des Tests, sondern eine korrekte Abbildung.